Wohn Raum Alpen.
Wojciech Czaja, Miha Dešman, Köbi Gantenbein, Eva Herrmann, Hansjörg Hilti, Markus Kuntscher, Paolo Mazzoleni, Wolfgang Piller, Loredana Ponticelli, Christian Schittich; Fotografien von Hartmut Nägele
hg. von kunst Meran, Birkhäuser Verlag, Basel 2010

Die Publikation ist im Buchhandel zum Preis von € 59,90.- erhältlich.

ISBN 978-3-0346-0542-7



Gibt es eine besondere Art, die Alpen zu bewohnen? Mit der Auswahl von Projekten in dieser Ausstellung möchten wir versuchen, auf diese Frage eine Antwort zu geben.
In der kollektiven Vorstellung entspricht die alpine Landschaft einer Ansichtskarte aus der Tourismuswerbung. In der Realität aber sind die Alpen ein komplexes geografisches System, das sich über acht Länder erstreckt, vom Fürstentum Monaco bis nach Slowenien.
Die geomorphologischen Merkmale des Gebietes bestimmen die Form und die Ausdehnung der urbanen Siedlungen. Dort, wo die Umweltbedingungen und das Klima besonders rau oder einschränkend wirken, kann sich die Architektur der Auseinandersetzung mit ihrem Umfeld nicht entziehen. Bauen in den Alpen bedarf besonderer planerischer Anstrengung, um Gebäude in das jeweilige Umfeld zu integrieren. Diese vertiefte Auseinandersetzung mit dem Gesamtkontext bietet nicht selten einen beachtlichen Mehrwert für Architektur.
In den Talsohlen hingegen prägt die Architektur eine eigenständigere Formensprache, fast so, als wolle sie hier ihre völlige Autonomie und Freiheit von der Umgebung behaupten – diesen Eindruck erwecken zumindest die Abbildungen der ausgestellten, von einer internationalen Expertengruppe ausgewählten Projekte.
In der vorliegenden Publikation wie in der gleichnamigen Ausstellung setzen wir uns mit der Thematik des kollektiven Wohnens auseinander und zollen damit der (Gemeinschafts-) Wohnanlage die ihr gebührende Anerkennung.
Das Projekt eines Einfamilienhauses oder einer Villa folgt zumeist einer durchaus nachvollziehbaren individuellen, elitären und autoreferenziellen Haltung des Planers. Den Wohnbedürfnissen einer Gemeinschaft gerecht zu werden, stellt jedoch eine völlig andere Herausforderung dar. Das architektonische Projekt wird von den Bedürfnissen des jeweiligen Kollektivs beeinflusst und bedingt. Die finanzielle Investition und die Ausdehnung des Baugrundes sind beschränkt, das Bauvolumen ist groß und die Raumplanung komplex, da sie den Bedürfnissen unterschiedlicher Familien und Generationen gerecht werden muss. Die Auftraggeber können Bauunternehmer, Wohnbaugenossenschaften oder auch Ämter für den sozialen Wohnbau sein.
Diese Rahmenbedingungen führen in der Regel zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den vorhandenen Typologien und im Idealfall zur Entwicklung neuer, individueller Lösungen für das jeweilige Gebäude und die jeweilige Wohneinheit. In den Alpenregionen legen die klimatischen Bedingungen und der eng bemessene Baugrund heute eine nachhaltige Bauweise nahe. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Energieeffizienz und die kompakte und mehrstöckige Struktur der Gebäude gelegt. Das Thema der Wohnanlage, in der die Bewohner Gemeinschaftsräume teilen, wirft – auch dann, wenn es sich nicht um sozialen Wohnbau handelt – soziale Fragen auf. Dies führt unweigerlich zu einer Auseinandersetzung mit der öffentlichen Sphäre, in der der Raum als ein Ort der Verbindung und Begegnung verstanden wird. Das Verhältnis zwischen dem „Draußen“, der urbanen Struktur, und dem „Drinnen“, der Privatsphäre der Wohnung, gewinnt an Bedeutung. Die Nutzung dieser Räume unterliegt sowohl der Raum- und Bauordnung als auch den nicht verbrieften sozialen Normen des Zusammenlebens. Gerade letztere sind es aber, die das Gemeinschaftsgefühl fördern. Die Wohnanlage verbindet die Gemeinschaft und verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bewohner. Oder ist das etwa nur eine Idealvorstellung?
Heute ist das Thema der Wohnhausanlage nicht mit solcher Dringlichkeit behaftet wie z. B. in den Jahren der Nachkriegszeit und später im Zuge der Landflucht.
Doch die Verbesserung der allgemeinen Wohnbedingungen bedeutet für jeden Architekten eine Herausforderung, die ihm seine soziale Verantwortung bewusst macht. In diesem Sinn erhält sein Einsatz, sein Handeln, einen politischen Wert.
Der Architekt beteiligt sich zusammen mit den öffentlichen Ämtern an den gemeinsamen Zielsetzungen für die Erhaltung der Kulturlandschaft und die Erfüllung des Grundrechtes auf ein angemessenes Heim. In diese Richtung arbeiten in unserer Provinz das Amt für Raumordnung, Umwelt, Natur und Landschaft und Energie, das Institut für den sozialen Wohnbau (WOBI), die Ämter für Kultur und Wohnbau. Bereits seit geraumer Zeit unterstützt überdies das Amt für Öffentliche Bauten die zeitgenössische Architektur in Südtirol. Diese institutionelle Förderung hat sich nicht nur positiv auf die Entwicklung der Architektur im privaten Bausektor ausgewirkt, sondern auch einen großen Einfluss auf den Wohnbau gehabt.
Die Stiftung der Kammer der Architekten der Provinz Bozen sieht ihre wichtigste Aufgabe darin, Verständnis für eine alpine Baukultur zu entwickeln und die Architekten auf ihre Verpflichtung gegenüber Gesellschaft und Umwelt hinzuweisen sowie sie in der Umsetzung eben dieser zu unterstützen. Kunst Meran teilt diesen kulturellen Anspruch. Diese Verpflichtung für die Architektur und die fruchtbare Zusammenarbeit vertiefen den moralischen Anspruch, der zur Erfüllung gemeinsamer Zielsetzung anspornt. Mit dieser Überzeugung haben wir dieses Projekt gemeinsam aus der Taufe gehoben und es leidenschaftlich und aktiv begleitet.
Wir danken den Kuratoren, die uns von der Ausarbeitung des Projektes bis hin zu seiner Realisierung mit viel Engagement unterstützt haben.
Diese Wanderausstellung und die dazugehörige Publikation „Wohn Raum Alpen“ bieten Ihnen nun die Möglichkeit, sich mit dem „Bewohnen“ der Alpen und besonders der Südtiroler Alpen auseinanderzusetzen.


Luigi Scolari (Präsident der Stiftung der Kammer der Architekten der Provinz Bozen)
Georg Klotzner (Präsident von kunst Meran)



zur Ausstellung "Wohnraum Alpen"