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Architektur und Akteure in der Nachkriegsgesellschaft: Praxis, Öffentlichkeit, Ethos

22. Juni 2017 – 23. Juni 2017

Der Lehrstuhl für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis/Architekturmuseum der TU München richtet die Tagung „Architektur und Akteure in der Nachkriegsgesellschaft: Praxis, Öffentlichkeit, Ethos“ im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts „Der Architekt Paul Schneider-Esleben und die Nachkriegsmoderne“ aus. Voraus ging die Untersuchung von Leben, Werk und Nachlass Schneider-Eslebens (1915–2005) für eine Ausstellung zum 100. Geburtstag. Dabei öffneten sich neue, gesellschaftsbezogene Felder für eine Forschung, die von subjektzentrierten Konstellationen wie Herkunft, Ausbildung und Netzwerken ausgeht. Indem sie Werk, Erfahrungen und Erkenntnisse aufeinander bezieht, gewinnt sie Relevanz für die Geschichte von Architektur und Gesellschaft, gerade für eine Zeit forcierten Wandels nach dem (verlorenen) Krieg. Die Lebensgeschichte Paul Schneider-Eslebens umschließt das 20. Jahrhundert. Ihre Stationen bilden nicht nur Teile von dessen Architekturgeschichte ab, sondern auch – wechselseitig aufeinander bezogen – gesellschaftlichen Wandel. Eine biographisch geleitete Untersuchung verknüpft Akteure, Narrative, Praxen, Orte, Milieus, Entwürfe und kreative Strategien. Sie weist über die Person hinaus auf das, als was sich die Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg versteht.

Aus der so modellierten Beziehung aus Akteur(en), architektonischer Moderne und Nachkriegsgesellschaft leiten sich die Fragen für die Tagung ab. Es sind Beiträge erwünscht, die von biographischen Aspekten auf Öffentlichkeit, Praxis und Ethos des Berufsstands in der Zeit um 1945/1955 schließen. Doch auch solche mit einer umgekehrt deduktiven Perspektive sind gerne willkommen. Es könnte dabei das sich wandelnde Anforderungsprofil für den Beruf zu betrachten sein, das durch Expansion gekennzeichnet war. Auch die Vielfalt der Akteure, die über das Bauen reflektierte, nahm zu (nicht nur unter Architekten, Behörden und Baufirmen, sondern auch verstärkt unter Journalisten, Politikern, Bürgern, Künstlern, Kunsthistorikern, Kuratoren, Philosophen, Schriftstellern, Professoren, Geistlichen, Vereinen und Verbänden) – Architektur wurde interdisziplinärer. Architekten, so scheint es, wuchsen stärker in die Gesellschaft hinein, vernetzten sich enger mit anderen Professionen – mit Auswirkungen auf Werk, Diskurs und Habitus. Und wie verhielten sich Interessensverbände der Nutzer (organisiert beispielsweise in Frauen- oder Lehrerverbänden) – forderten sie Partizipation ein?

„Wie war das nur möglich?“, fragte Rudolf Schwarz auf dem Darmstädter Gespräch 1951. Damit meinte er das Ausbleiben einer zweiten Generation von Architekten nach dem „Aufbruch in die Moderne“ der Künstlerkolonie Mathildenhöhe fünfzig Jahre zuvor. Die Frage betrifft aber auch die Zäsur, den Zivilisationsbruch: NS-Diktatur, Weltkrieg, Holocaust, Verwüstung und Vertreibung, zum Schluss auch des Tätervolks. Auch wenn Eingeständnisse von Schuldempfinden selten waren, reflektierte der Berufsstand über sein Ethos. Was war ihre Bedeutung im Nationalsozialismus gewesen und wie gingen sie danach damit um? Welche Art von Gesellschaft imaginierten sie in ihren Konstruktionen? Und nahm ‚die Gesellschaft‘ diese Vision an?

Über diese Fragen hinaus werden Beiträge zu folgenden Themen erbeten:

Architektur und Öffentlichkeit:

Wer waren die Akteure, die Gesellschaft mit Architektur und Wiederaufbau zusammendachten? Welche Konzepte und gesetzlichen Regelungen entstanden dabei? Wie und wo legitimierten Architekten ihre (Wiederaufbau-)Planungen und wer hörte ihnen dabei zu? Wie veränderten sich Beruf und Berufsstand, als seine Angehörigen in Medien, Kommissionen, bei Ausstellungen und Podiumsdiskussionen öffentlich tätig wurden? Was wiederum bewirkten Bürger, die Mitbestimmung forderten?                  

Berufsstand und Ethos:

Unter welchem, auch ethisch motiviertem Erneuerungsdruck stand der Berufsstand in der Nachkriegsöffentlichkeit? Wie setzten sich Architekten mit ihrer gesellschaftlichen Verantwortung sowohl im Werk wie im Diskurs auseinander? Und wer urteilte darüber?

Interessenten sind eingeladen, ihren Vorschlag (maximal 500 Wörter) für einen Vortrag von 20 bis 30 Minuten Länge und einen kurzen CV bis zum 19. Dezember 2016 einzureichen. Die Beiträge sollen im Anschluss an die Tagung veröffentlicht werden. Redaktionsschluss ist der 30. September 2017. Bitte beachten Sie, wenn Sie einen Vorschlag einreichen, auch bereits diesen Termin.

Konzept und Organisation:
Dr. Regine Heß, Lehrstuhl für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis/Architekturmuseum, Technische Universität München. Bitte senden Sie Ihre Vorschläge an: r.hess (at) tum.de

Bild: Paul Schneider-Esleben (ohne Hut) und Bauherren, Lennestadt um 1953 © Architekturmuseum TUM