Bauten erinnern. Augsburg in der NS-Zeit

Bauten erinnern. Augsburg in der NS-Zeit
Winfried Nerdinger (Hg.) in Zusammenarbeit mit Barbara Wolf und Alexandra Schmid
Schriften des Architekturmuseums Schwaben, Band 10, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2012
Publikation zur Ausstellung vom 20. September 2012 bis 20. Februar 2013
Die Publikation ist im Architekturmuseum Schwaben zum Preis von € 24,00.- (gebundene Ausgabe im allgemeinen Buchhandel 39,00.- €) erhältlich.

Augsburg war keine Stadt wie jede andere. Die alte Arbeiterstadt wehrte sich gegen den aufkommenden Rassismus und Rechtsradikalismus, bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 lag hier der Stimmenanteil für die Nationalsozialisten 14,2 Prozent, und sogar im März 1933 noch 11,6 Prozent unter dem Landesdurchschnitt. Dann stieg die Stadt der Metall- und Textilfabriken mit dem Aufbau der Messerschmitt-Werke und der Produktion von Dieselmotoren für U-Boote und LKWs bei MAN zu einem Rüstungszentrum auf und wurde zur Gauhauptstadt befördert. Die Geschichte Augsburgs während der NS-Zeit ist noch nicht geschrieben, vorliegende Publikation verfolgt einen besonderen Weg, die Erinnerung an diese Zeit im Gedächtnis zu bewahren, denn es gilt die Mahnung von Primo Levi: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“
Wer von Eltern, Lehrern oder Zeitgenossen authentisch und ehrlich über die NS-Zeit informiert wurde, auf den übertrug sich die Intensität des Erlebten. Diese spezifische Vermittlung von Historie durch Zeitzeugen kann nicht übernommen und von der nächsten Generation weitergetragen werden, denn es fehlt das persönliche Erlebnis, das Mitteilungen zu existentiellen Aussagen macht. Mit dem allmählichen Verschwinden der Zeitzeugen geht somit unwiederbringlich auch eine Form der augenscheinlich bezeugten Vermittlung verloren, die über geschichtliche Dokumente gleich welcher Art nicht ersetzbar ist. Auch historische Orte, Räume und Bauten können diesen Verlust nicht kompensieren, aber als „materielle Zeitzeugen“ bilden sie ein authentisches Bindeglied zu den Ereignissen, denn ihre Substanz reicht in die Vergangenheit zurück und somit verbürgen sie: „Hier ist es gewesen.“ Die Verortung von NS-Geschichte in Bauten und Räumen hilft, Erinnerung zu bewahren. Der authentische Ort ermöglicht zum einen, sich der Geschichte im Raum anzunähern, und zum anderen das Erinnern zu intensivieren, denn mit dem Ort kann der Inhalt verknüpft und besser im Gedächtnis verankert werden.
Orte und Bauten sprechen allerdings nicht von sich aus zu uns, sie sind stumme Zeugen; aber für wen sich einmal ein Ort mit Geschichte gefüllt hat, der wird den Inhalt nicht mehr so leicht vergessen, der wird mit Bauten, an denen er bislang achtlos vorbeigegangen ist, in einen Dialog treten, der ihm die Vergangenheit wieder vor Augen führt. Dies ist der methodische Ansatz vorliegender Publikation, in der an Hand von 110 exemplarisch ausgewählten Bauten die Geschichte Augsburgs im Nationalsozialismus verortet wird. Auf wenig beachtete oder verdrängte Bereiche wie beispielsweise die Rüstungsindustrie, das Lagersystem oder der kommunistische Widerstand wurde dabei besonderes Augenmerk gerichtet.
Dieser zehnte Band der Schriftenreihe des Architekturmuseums Schwaben ist Ernst Berschet (1926-2012) gewidmet, dem Gründer und stetigen Förderer des Museums, der sich die Ausstellung gewünscht hatte, die er nun leider nicht mehr sehen kann.